Wie ich zuerst die Geschichte schrieb und dann plottete

Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie plotten gibt. Und extra Tools dafür. Jetzt kann ich gar nicht mehr aufhören zu plotten. Plotten macht so viel Spaß. Plotten bedeutet grenzenlose Fantasie, grenzenlose Geschichten, grenzenloses Versinken in meiner Welt.

Wenn Ihr Euch jetzt auch fragt, was plotten überhaupt ist, fühlt Euch bitte nicht dumm. Wie gesagt: Bis vor einigen Wochen hatte ich selbst keine Ahnung. Und ich schreibe seit fast dreißig Jahren. Tatsächlich habe ich bisher immer einfach drauflos geschrieben, genau so, wie es mir gerade einfiel. Die Geschichte entwickelte sich mit den Charakteren, ihren Erlebnissen und Gefühlen. Alles kam ganz von selbst. Und das tut es jetzt auch noch, aber ich gebe zu, dass Plotting-Tools das sehr stark unterstützen und einen kleinen Leitfaden bieten, sowie eine tolle Quelle der Inspiration sind, wenn ich mal feststecke.

Aber ganz kurz ein Exkurs ins Theoretische: Was ist eigentlich plotten? Wie der Name schon sagt, und wie ihr Euch vermutlich denken könnt, geht es darum, den Plot, also die Handlung, zu entwickeln. Dazu gibt es verschiedenste Modelle, Richtlinien sozusagen. Von der klassischen Heldenreise über verschiedene Akte, bis hin zu freieren Modellen mit einzelnen Highlights und Nebenhandlungen. Im Prinzip dienen sie dazu, der Geschichte Halt und Struktur zu geben. Es geht auch nicht unbedingt darum, sie absolut biblisch einzuhalten, vielmehr schaffen sie Orientierung zum Aufbau. In meinem Plotting-Tool kann ich das Modell allerdings auch erweitern, Plotpunkte also hinzufügen und die Struktur so ein wenig abändern, wie es eben am besten zu meiner Geschichte passt.

Mir hat das in zwei Dingen besonders geholfen: Erstens habe ich gesehen, dass die Geschichte meines aktuellen Buchprojekts (mehr dazu in der Kurzgeschichten-Sektion in diesem Blog) tatsächlich Hand und Fuß hat und ich ganz unbewusst ziemlich exakt der Blake-Snyder-Methode gefolgt bin, ohne dass ich wusste, dass die Blake-Snyder-Methode existiert. Zweitens konnte ich eine Storyline, bei der ich inhaltlich noch etwas hing, aufgrund der Beschreibungen der einzelnen Plotpunkte wirklich schön ausbauen. Das Tool hat mir also durch gewisse inhaltliche Ideen Anstöße geliefert, wie ich die Geschichte weitererzählen könnte.

Jetzt zum Vorgang: Wie gesagt, wähle ich in meinem Plotting-Tool eine grobe, veränderbare Plot-Struktur (in meinem Fall das Blake-Snyder-Beat-Sheet). Dann gebe ich — so weit ich sie habe — die Kapitel ein. Sowohl die, die ich schon geschrieben habe, als auch die, die ich noch schreiben werde. Zu Letzteren kann ich natürlich im Tool jederzeit Notizen sammeln. Die Kapitel werden in meinem Tool nur grob beschrieben, es ist sehr fokussiert auf die Szenen. Ein Kapitel setzt sich (bei mir) meist aus 2-3 Szenen zusammen, bei denen ich Ort, Tageszeit und involvierte Figuren wählen kann und dann beschreibe, was in der Szene passiert. Auch eine Stimmung kann ich eingeben und so später sehen, ob sich bestimmte Stimmungen zu häufig wiederholen, und ob es eine ausgewogene oder pointierte Abwechslung an positiven und negativen Stimmungen gibt. Die Plot-Struktur gibt da natürlich auch ein wenig vor, welche Teile der Geschichte eher positiv, welche eher negativ gefärbt sind. Aber wie gesagt, das sind Vorgaben. Ob man sich daran halten möchte oder lieber eigene Wege geht, ist uns Schreiberlingen selbst überlassen. Jedoch muss ich sagen, dass es so viele Plot-Strukturen gibt, dass vermutlich für alle eine dabei ist, in der sie ihre Geschichte zumindest grob wiederfinden. In manchen Tools kann man auch direkt schreiben, in meinem nicht, ich brauche das aber auch nicht. Ich möchte in meinem Plotting-Tool plotten und in meinem Schreibprogramm schreiben.

Was ich allerdings noch viel toller finde am Plotten (oder an meinem Plotting-Tool, es ist tatsächlich das Einzige, das ich bisher probiert habe), sind die Möglichkeiten, die es außerhalb der Story-Entwicklung liefert. So kann ich beispielsweise die Figuren ganz intensiv erarbeiten, indem ich ihr Aussehen beschreibe, ihr Lebensmotto, ihre markanten Eigenschaften festhalte — was natürlich im weiteren Verlauf dazu dienen kann, dass ich nicht nur eine genauere Vorstellung von ihnen habe (und auch von allen Nebencharakteren, wenn ich möchte), sondern auch sämtliche Charaktere mit sämtlichen Beschreibungen und allem, was mir zu jeder Zeit einfällt, kompakt an einem Ort habe, wo ich kurz nachgucken kann, wenn mir gerade etwas nicht mehr einfällt. Das gilt übrigens auch für inhaltliche Notizen.

Womit ich dann wirklich Stunden verbringen kann, sind die Figureninterviews. Dabei stellt das Programm mir eine Reihe von Fragen, und ich antworte in der Rolle meiner Figur — egal, ob groß oder klein. Gerade, wenn ich vor einem Kapitel stehe, in dem Charaktere vorkommen, die ich bereits eine Weile nicht mehr hatte, kann das Wunder wirken, schnell mal ein paar Fragen zu beantworten — schon bin ich wieder total in der Figur und schreibe fest drauf los. Ganz zu schweigen davon, dass man selbst die kleinsten Charaktere ausführlicher kennen lernt. Aber auch über meine Protagonisten habe ich noch einiges gelernt (zum Beispiel ihre sexuellen Vorlieben).

Nachdem ich Euch nun in diesem wirklich langen Eintrag von meiner Neuentdeckung vorgeschwärmt habe, ein sehr kurzer, und meiner Ansicht nach bisher einziger Nachteil: Die wirklich guten und ausführlichen Plotting-Tools sind natürlich nicht gratis. Es gibt sie von 70€ bis 300€, und wenn sie Euch interessieren, müsst Ihr sie vermutlich einfach testen und schauen, welches für Euch passt. Jedes Tool bietet andere Vorteile, genau wie auch wir AutorInnen unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche haben.

Ach ja — den Titel sollte ich noch erklären. Wie gesagt, habe ich erst vor einigen Wochen vom Plotten erfahren. Da hatte ich bereits mehr als die Hälfte meines aktuellen Buches geschrieben. Das macht aber gar nichts. Ich habe mir die Mühe gemacht, die Kapitel und Szenen auch nachträglich aufzusetzen, rein für mich, aus Interesse, inwiefern ich einer Plot-Struktur folge, wie gut und abwechslungsreich meine Stimmungen sind, wo ich vielleicht noch nachbessern muss. Und ja, das war und ist zeitaufwändig. Für mich hat es sich jedoch absolut gelohnt. Ich habe immer noch etwas dazugelernt, neue Inspirationen bekommen, und ich genieße jeden Moment, den das Tool mir bietet, in meine Charaktere zu schlüpfen und tiefer in die wunderbare Welt meines Buches abzutauchen. In dem Sinne — fröhliches Plotten!

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